„Freiheit – das ist der Wind in meinem Haar“

Im Iran wurde Jilla ausgepeitscht. Im Ausland zog sie Mantel und Hijab aus und schminkte sich

ILLUSTRATION: LAURA BREILING
ILLUSTRATIONEN: LAURA BREILING

Sie ist gerade aus dem Flugzeug gestiegen und läuft noch über die Landebahn. Da nimmt sie das Kopftuch ab, knüllt es zusammen und stopft es in die Seitentasche ihres kleinen Rollkoffers. Ein kühler Wind streift ihr Haar und weht ihre Strähnen in die Luft. Jilla denkt: „Dieser Wind im Haar – das ist Freiheit.“

Jilla ist wie die Hälfte der Bevölkerung des Irans. Seit sie sieben Jahre alt ist und zur Schule ging, war sie gezwungen den Hijab zu tragen und ihren kleinen kindlichen Kopf und ihr lockiges wildes Haar mit einem Stück Stoff zu verhüllen, das unter dem Kinn geschlossen ist. Die Tage der Siebenjährigen hätten schöner sein können – und freier. Sie hätte spielen und Quatsch machen können. Aber das sollte nicht sein. Wie viele andere Kinder war sie von dem Moment, in dem sie das Licht der Welt erblickt hat, eine Gefangene des geographischen Determinismus.

Anfangs verstand sie nicht, wieso sie so ein festes und einengendes Stück Stoff auf ihrem Kopf lassen sollte. Sie hatte zwar von den garstigen Schul-Aufsehern und im Fernsehen gehört, dass es eine Sünde sei, wenn sie die Haare nicht verberge, und dass sie am Jüngsten Tag in der Hölle landen und an den Haaren aufgehängt geschmort werde.

Vor diesem Gott, über den die anderen redeten, hatte sie schreckliche Angst. Er war meistens übellaunig, sah alles und bestrafte schon die kleinsten Vergehen. Viele Jahre ihrer Kindheit und Jugend litt sie unter schlechtem Gewissen und der Angst vor diesem strafenden Gott.

Nun reiste Jilla erstmals ins Ausland. Hier erlebte sie die Freiheit - ihr Haar zu befreien. Das Leben hätte so angenehm seien können. Sie nahm ihren Koffer von der Gepäckausgabe und noch bevor sie etwas anderes machte, ging sie zu dem Toiletten. Dort zog sie den langen Mantel aus, den sie 20 Jahre lang wie eine Uniform getragen hatte, und zog vor dem Spiegel grell die Lippen nach. Mit den knappsten Kleidern, die sie je getragen hat, trat sie vor die Tür. Was  kümmerte es sie, dass man nun selbst die vielen Narben sah, Spuren einer Auspeitschung vor einigen Jahren.

In der Nacht, als sie auf der Straße zwischen Besoffenen und lachenden Menschen herumlief, erinnerte sie sich an diesen Tag. Die Sittenpolizei hatte sie festgenommen, weil eine Strähne ihres Haares unter dem Kopftuch hervorschaute. Sie beschimpft sie als Nutte und Sünderin. Jilla ärgerte sich und protestierte, indem sie ihr Kopftuch abriss und es ganz in den Rinnstein schmiss. Das brachte ihr die Auspeitschung ein.

Jilla ist nicht nur eine Frau. Sie steht für Millionen Iranerinnen, die alle durch den Zwangs-Hijab wie gefesselt sind. Für den größeren Teil der iranischen Frauen bedeutet er nur Zwang und Unterdrückung. Iranerinnen nehmen ihr Kopftuch ab, kaum dass sie ihr Land verlassen haben. Fast 40 Jahre ist es her, dass die Islamische Revolution im Iran gewaltsam den Frauen den Hijab aufgezwungen hat. Der Zwang hat den Hijab in ein Symbol für Unterdrückung, Diskriminierung und Einschränkungen verwandelt.

Negin Behkam