Ich gehe meinen Weg

Ghada genießt ihre Möglichkeiten in Deutschland. Ihre Tochter würde das auch so gern tun. Aber der Vater lässt sie nicht gehen

FOTOS: ROBIJN PAGE/PLAINPICTURE/WESTEND61, KB-PHOTODESIGN/PHOTOCASE.COM
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Ghada ist mein Name. Ich komme aus Syrien und habe drei Kinder. Im September 2015 wurde die Lage in Aleppo katastrophal. Mein Mann war ein halbes Jahr verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Also brach ich mit meinem jüngsten Sohn nach Deutschland auf und ließ die anderen beiden bei meiner Familie zurück. Ich wollte meinen Mann und die Großen nachholen.

Anderthalb Jahre dauerte die Anerkennung als Flüchtling in Deutschland. Eine Familienzusammenführung wäre möglich gewesen. Aber inzwischen war mein Mann aufgetaucht. Mein Weggang hatte ihn verärgert. Er nahm die Großen zu sich und brach den Kontakt zu mir ab. Er hat auch neu geheiratet.

Meine Kinder können nur selten und nur unter Aufsicht mit mir sprechen. Meine 14-jährige Tochter hat meine Telefonnummer heimlich notiert. Sie hat mich nachts via Whatsapp angeschrieben und anschließend meine Nummer gelöscht.

Ich habe das Kopftuch abgelegt und gehe, seit ich 47 Jahre alt bin, meinen eigenen Weg. Auch meine konservative Familie verweigert jeden Kontakt. In ihren Augen trägt eine gute Frau den Hijab und schwarze Kleider. Ich werde bis zu meinem Tod dagegen rebellieren, auch wenn ich dafür einen hohen Preis zahle.

Religion ist Herzenssache. Niemand hat den Schlüssel zu einer guten Gottesbeziehung, jeder muss seinen Weg finden. Das Leben hier in Deutschland passt zu mir. Ich will nicht nach Syrien zurück, auch
nicht, wenn die Lage sich bessert. Ich war gegen das Regime, aber auch gegen die rigide und monotone Mentalität, die mich zur Außenseiterin machte.

Meine 14-jährige Tochter erlebt nun dieselbe Tragödie, die ich hinter mir lassen konnte. Sie sagt: „Ich will ­dieses Leben nicht. Lieber sterbe ich, als jetzt verheiratet zu werden. Ich will erst meine Ausbildung ab­schließen.“ Ich will meiner Tochter helfen, weiß aber nicht, wie. Ich habe mich an verschiedene Organisationen gewandt. Aber sie brauchen ihren Pass und das Einverständnis des Vaters. Beides werde ich nicht bekommen.

Also habe ich überlegt, wie ich sie in den Libanon schmuggeln könnte. Verwandte könnten mir helfen. Aber selbst wenn sich ein deutscher Sponsor findet: Niemand weiß, wie lange so etwas dauert, wie teuer es wird und ob es überhaupt gelingen kann.

Wenn ich in Berlin Mädchen in ihrem Alter sehe, wie sie glücklich sind und das Leben genießen, denke ich: Hat nicht auch meine Tochter das Recht, so zu leben und die Farben des Frühlings zu tragen - statt schwarze Gewänder? Und das Geräusch von falschem Schmuck im Wind zu hören - staat verheiratet zu werden und eine goldene Kette zu tragen ...

Protokoll: Amloud Alamir