Sie leben noch immer aus ihren Koffern

. . . auch nach vielen Jahren in Deutschland. Soraya und Hossein kamen aus dem Iran

FOTO: ILLMEDIA/PHOTOCASE.DE
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Geht ihr für immer?“ Vermutlich wird Emigranten diese Frage häufiger als jede andere gestellt. Wer weiß, wie viele von ihnen die Antwort wussten. Viele wollen in der Ferne bleiben, viele gehen nur für einen zeitlich begrenzten Studienaufenthalt. Manche bleiben, bis sich daheim die Verhältnisse bessern, andere laufen weg und sehen dann, wie es weitergeht.

Und dann gibt es diejenigen, die ganz schnell wieder heimkehren wollen. Sie denken, die Situation daheim bessert sich bald. Sie geben sich mit einer vorübergehenden Aufenthaltsgenehmigung zufrieden oder einer Duldung. Sie waren zu ihrer Ausreise gezwungen worden, wollen gar nicht im Asyl bleiben und haben auch kein Interesse an einer dauerhaften Unterkunft.

Einer dieser Menschen ist Soraya, eine 59-jährige Iranerin, die 1981 den Iran mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn verlassen musste. Ihr Mann war – wie Tausende anderer Iraner Anfang der 1980er – politisch aktiv gewesen. Nach der iranischen Revolution von 1979 mussten sie fliehen.

Soraya war damals 23 Jahre alt. Anders als ihr Ehemann war sie politisch nicht einmal aktiv. Aber sie glaubte, seine oppositionelle Haltung würde der ganzen Familie schaden. Sie wollte auch nicht ohne ihren Mann leben. Soraya sagt: „Wir waren glücklich. Und natürlich dachten wir, dass der Spuk mit der Revolution bald vorüber sein würde und wir in unser Land zurückkehren könnten. Wir hatten gar kein Interesse im neuen Land anzukommen und die neue Sprache zu lernen. Wir waren immer unter Iranern, verfolgten stets iranische Nachrichten, und wir warteten auf den Kollaps des Regimes.“

Soraya erinnert sich, dass ihr Mann sogar dagegen war, den Kindern Deutsch beizubringen. „Warum sollte das Kind Deutsch lernen? So vergisst es nur das Persische. Wir sind ja bald wieder da.“ Aber das Schicksal sah anderes für Soraya vor. Ihr Sohn ist inzwischen 39 und arbeitet als Anwalt. Persisch spricht er kaum, den Iran hat er nie gesehen. Soraya ist Sozialarbeiterin geworden. Heute hilft sie Asylbewerbern und Flüchtlingen. Ihr Mann starb Ende 1989. „Die Hinrichtungen vieler seiner Freunde und politischen Weggefährten hatten sein Herz gebrochen. Auch sehnte er sich so sehr nach Hause. Er starb an Kummer“, glaubt Soraya. „Es war traurig, dass er die Heimat nie wieder sah.“ Er war erst 39 Jahre alt. Seinen Koffer hatte er seit der Ankunft in Deutschland nicht mehr geöffnet.

Nicht nur Sorayas Familie hatte vergeblich auf Rückkehr gehofft. Auch Hossein, 33, war 2009 eigentlich nur für ein Jahr nach Berlin gekommen, um seinen Magister an der Universität von Potsdam abzuschließen. Nach dem Studium, spätestens nach zwei Jahren, würde er wieder heimkehren. „Ich wollte noch nicht einmal promovieren. Ich hatte weder Zeit noch Geld noch einen Grund zu bleiben.“ Doch sein Los war ein anderes. Hossein nahm während der iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 an Demos in Berlin, Hamburg, Paris und Brüssel teil. „Wie viele Menschen glaubte ich, unsere Bewegung würde gewinnen. Vielleicht war ich deshalb niemals in Sorge.“

Der Hardliner Mahmud Ahmadinedschad gewann die Wahl. Viele, die vorher im Iran protestiert hatten, wurden nun verhaftet. Und auch Hossein beantragte politisches Asyl in Deutschland. „Ich war für zwei Jahre gekommen. Mein Studium war auf Englisch. Deutsch habe ich nicht gelernt, das brauchte ich im Studentenwohnheim auch gar nicht. Ich hatte kein Interesse, Deutschland oder selbst Berlin kennen zu lernen.“ Das hat sich geändert. Hossein lernt Deutsch und arbeitet als Entwickler in einer Computer Firma. Aber er sagt: „Noch immer kann ich meinen Koffer nicht öffnen.“

Omid Rezaee