Im Quilt der anderen wird dir nicht immer warm sein

Ein verbreitetes persisches Sprichwort sagt: "Nirgends sonst wird meine Heimat sein"

Illustration: Marie Emmermann
Illustration: Marie Emmermann

Abdulmanan Khaleqi ist ein Afghane, der nach einem Jahr in Hamburg in seine Heimatstadt Herat zurückgekehrt ist. Seine Telefonnummer habe ich nur mit großen Schwierigkeiten herausfinden können. Nachdem ich den Kontakt aufgenommen und mich vorgestellt hatte, verweigerte er zunächst jede Auskunft. Aber ich war hartnäckig und schilderte ihm meine Absicht. Er erzählt:

"Mein Leben war gut, bevor ich nach Deutschland ging. Ich hatte mein eigenes Haus in einer der Viertel um Herat herum, es gab Läden und Händler. Alles lief ohne Probleme, bis mein Schwager aus Mashhad im Iran mir 2015 seinen Entschluss mitteilte, nach Deutschland auszuziehen. Zunächst hatte ich kein Interesse, bis mein Schwager meine Frau überzeugen konnte. Also machten wir uns auch auf die Reise ins Unbekannte.

Ich verkaufte Haus und Grund für den halben Preis, kaufte ein Visum von einem Schlepper und ging in den Iran. Es gab viele Schwierigkeiten, bis wir endlich in die Türkei kamen. Von dort setzten wir einen Monat später mit einem Plastikboot nach Griechenland über. Es war für zehn bis zwölf Personen ausgelegt, mehr als 40 waren darin. Eine Woche Griechenland, dann machten wir uns auf den zehntägigen Weg nach Bayern. Damals war die Landesgrenze offen für Asylsuchende. Ich dachte, alle Probleme würden nach der Ankunft in Deutschland enden und die bequemen Tage meines Lebens stünden bevor.

Wir verbrachten eine Woche im Asylbewerberheim in München mit einer sehr großen Zahl von Flüchtlingen. Dann wurden wir nach Hamburg weitergeschickt. Erst dachten wir, dort werde alles in Ordnung sein. Damit begann die ganze Geschichte aber erst. In Hamburg bezogen wir eine große Turnhalle, die in kleine, abgegrenzte Bereiche unterteilt war. Dort zu leben mit meiner Frau, den beiden Söhnen und unserer Tochter war für mich die Hölle. Nachts wachten wir vom Lärm auf. Bis Mitternacht war es richtig laut.

Streit und Konflikte unter Asylbewerbern wurde unser Alltag. Meine fünfjährige Tochter fragt uns ständig, warum wir hergekommen seien. Und dass sie keine Freunde habe, niemandes Sprache spreche, und dass ihre Freunde alle in Herat seien. Ein oder zwei Mal haben die Kinder von anderen Asylbewerbern meine Tochter geärgert. Sie verließ die Turnhalle nur mit mir oder ihrer Mutter. Schließlich beklagten sich auch meine Söhne. Sie redeten ständig von ihren Freunden und der Schule in Herat, von den Spielen und Tobereien, und sie wurden immer trauriger. Meine Frau hatte Beschwerden am Fuß, seit wir in Deutschland angekommen waren. Wir gingen damit ein paar Mal zum Arzt. Er sagte, meine Frau brauche viel Bewegung. Sie konnte den Schmerz nur mit Paracetamol lindern. Mein Leben wurde absurd und bedeutungslos.

Plötzlich entschied ich, wieder heimzukehren. Ich teilte meiner Frau und meinen Kindern den Entschluss mit. Alle waren froh und jubelten. Ich ging zu Hausleitung und sagte, dass ich mit meiner Familie in mein Land zurückwolle. Sie sagten mir, die Sicherheitslage in Afghanistan sei nicht gut, ich könne mit den Taliban Schwierigkeiten bekommen, sie könnten sogar das Leben meiner Familie gefährden. Ich sagte: Mich wird nichts so schnell in Gefahr bringen. In Afghanistan gibt es immer irgendwelche Problemen und Gefahren. Jeder ist irgendwie gefährdet. Sie sagten mir, ich solle Pässe für mich und meine Familie bei der afghanischen Botschaft besorgen.

Die Bürokratie brauchte einen Monat, und als meine Füße wieder afghanische Erde betraten, küsste ich den Boden und dankte Gott. Die deutsche Regierung half uns mit etwas Geld, wovon wir leben konnten, bis ich Arbeit fand. Heute lebe ich in einer Mietwohnung in Herat. Mein Leben kommt langsam wieder in die Spur. Die Jungs haben ein Jahr in der Schule verloren, aber wenigstens sind sie wieder da. Meint Tochter ist glücklich mit ihren Freundinnen. Ich bin es auch, und ich sehe die Freude in den Gesichtern meiner Kinder.

Obwohl es natürlich ein Fehler war, nach Deutschland zu gehen und dafür alles zu verlieren, war die Erfahrung doch gut und wertvoll. Mir sagt sie: Es ist nicht möglich, bis zum Schluss warm zu bleiben im Quilt der anderen.

 

Protokoll: Noorullah Rahmani