Hier bleiben!

Aber auch die schlimmen Erinnerungen sollen zu Hause bleiben

FOTOS: KHALID ALABOUD
Jalal Mando probt mit seiner französischen Kollegin und Freundin Angélique Préau ihr aktuelles Stück „Die andere Seite des Mondes“ Fotos: Khalid Alaboud

„Neu geboren“

Jalal Mando, ein 26 Jahre alter Syrer, arbeitet im Theater. In seinem Heimatland Syrien war er zwei Jahre im Gefängnis. Eine Zeit, in der Jala den „unausweichlichen Tod“ vor Augen hatte – dem er widerstehen musste, um zu überleben. „Tod im Gefängnis, der Gedanke daran lässt dich entweder deinen Verstand oder die Hoffnung verlieren. Ich musste zusehen, dass ich beides behielt.“ Es gelang ihm, sagt er, indem er an seine Mutter dachte, weil er wusste, wie wichtig er ihr war. „Ich nahm mir vor, dass ich ihr etwas geben würde und dass das nicht mein Tod im Gefängnis durch Folter oder Krankheit sein würde. Das war ein Ansporn für mich, bei Verstand zu bleiben. Und am Leben.“

Jalal wohnt heute in Potsdam. Er sagt, dass er damals Zeichen bekam, die ihm Hoffnung gaben. „Wenn neue Gefangene eintrafen und der Gefängniswärter hatte seine Tasche mit duftendem Tabak vergessen, bedeutete das für mich, dass ich eines Tages andere Dinge riechen würde als den Gestank des Todes.“ Einmal träumte er, er sei an einem Ort voller schwarzer Steine, es regnete Weizen, er hatte einen roten Sarg, und ein kleines Mädchen hielt seine Hand. Gemeinsam schoben sie den Sarg davon.  „Diese Art von Traum, mitten in einem Todeslager in Syrien, gibt dir die Hoffnung, dass dein Leben weitergeht“, sagt Jalal. „Und als ich rauskam, war das, wie neu geboren zu werden.“

„Ich möchte nicht zurück“

Jalal kam in Deutschland an, erhielt eine Aufenthaltsgenehmigung für weniger als einen Monat, aber er begann, Deutsch zu lernen. Er übte Lesen, Schauspiel, Schreiben.  Hier in Deutschland fühlte er sich auf eine Art ganz, als Mensch, wie er sich in Syrien nie gefühlt hatte.

Alle guten Erinnerungen an seine Heimat enden in dem Moment, wo ihn ein Sicherheitsoffizier an einem Kontrollpunkt auffordert, das Auto zu verlassen. Es folgten zwei Jahre, in denen er von Gefängnis zu noch schlimmerem Gefängnis transportiert wurde. Deshalb antwortet Jalal prompt auf die Frage, ob er eines Tages nach Syrien zurück möchte: „Nein.“

Das Theater und das Leben hätten ihn schon mehrfach vor diese Frage gestellt, und jedes Mal sei seine Antwort: „Heimat, das sind die Menschen, die ich nicht wiedersehe, wenn ich zurückkehre.“ Weil sie ermordet wurden, weil sie immer noch im Gefängnis sind oder emigriert. Manche sind verschollen. „Wenn ich zurückginge, wäre ich ein Fremder in meinem Land, die Steine würden mich verleugnen, die Heimkehr wäre eine Rückkehr zu Toten, Verschollenen, Emigrierten.“ Jalal sucht jetzt ein neues Heimatland und neue Freunde. „Aber mit großer Vorsicht, denn die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass alles in jedem Moment wieder verloren gehen kann. „Assads Syrien ist nicht meine Heimat und wird es auch nie wieder sein“, sagt er.

 

Die Arbeit und die Sprache des Bleibens

Jalal erfasste die deutsche Sprache schnell, er weiß, die Sprache ist der Grundstein fürs Bleiben, und er war entschlossen, am Theater zu arbeiten, was er auch in Syrien getan hatte. Die drei Produktionen, die er inzwischen auf die Bühne gebracht hat, brachten ihm Bestätigung und Erfolg. Anderthalb Jahre ist es jetzt her, dass er in Deutschland ankam, und über seine Zeit in Syrien sagt er jetzt: „In jenen Jahren habe ich nichts Wesentliches geschaffen. In Deutschland wurde ich motiviert, etwas aufzubauen – Beziehungen, die Arbeit am Theater. Wenn dir das gelingt, fühlst du dich stark und stärker. Gleichzeitig habe ich eine stabile Basis fürs Überleben aufbauen können.“

 „Bleiben“ ist für Jalal nicht nur eine Sehnsucht, sondern ein Ziel, nach dem man unausgesetzt streben muss. Und es ist ein gesellschaftliches Thema in Deutschland – werden sie dich akzeptieren oder nicht? Gerade bereiten sich Jalal und seine Freundin Angélique Préau auf sein Stück „Die andere Seite des Mondes“ vor. Die beiden haben den Text zusammen geschrieben, er führt Regie und spielt mit. Jalal sagt über seine Arbeit am Theater: „Sie ist wie Essen und Trinken, ein Grundbedürfnis, wie jede Freude, die Körper und Seele brauchen.“


Khalid Alabboud