Neue Freiheit, neue Bürden

Wie drei geflüchtete Afghaninnen mit der anderen Kultur in Deutschland klarkommen

Illustration: Zsuzsanna Ilijin
Illustration: Zsuzsanna Ilijin

Sada Soltani, eine Medizinstudentin aus Afghanistan, hat kurze, gefärbte Haare. Vor zwei Jahren war sie nach Berlin emigriert.

"Als der Anruf kam: Frau Soltani, ihrem Visumsantrag wurde stattgegeben, - da hatte ich ein komisches Gefühl. Erst dachte ich, ich sei froh. Aber als die die Koffer verschloss, kamen die Tränen. Ich wusste nicht, wie sehr ich an meiner Heimat hing, die mir das Leben so schwer gemacht hatte, mit einer Heirat als Kind, einer Scheidung und dem scharfzüngigen Gerede der Leute.

In Berlin war es kalt und bewölkt. Eine Frau am Flughafen hielt ein Schild mit meinem Namen hoch. Wir nahmen ein Taxi zum Flüchtlingsheim. Alles roch nach Fremde: die Straßen, die Bäume, die Häuser.

Eine blonde Frau namens Juliana trug meine Koffer auf den dritten Stock und sagte, von nun an sei sie für meinen Fall zuständig. Ich war müde, warf mich aufs Bett, spürte die Einsamkeit, hörte die Kinder draußen spielen. Sie sprachen eine Sprache, die ich noch nie gehört hatte: Deutsch.

Dennoch: Hier bin ich sicher. Als Frauen kann ich in allen möglichen Berufen arbeiten. Ich will weiter studieren. Ich danke der deutschen Regierung, die mir und vielen anderen all das ermöglicht."

 

Mehrnaz, studierte afghanische Journalistin und Redakteurin bei einem privaten TV-Kanal, hat schwarze Locken und einen freundlichen Blick. Sie lebt seit vier Jahren in Deutschland:

"Auswandern bringt viele Probleme mit sich. Einigen kennt man schon vorher. Auswanderer wollen in Sicherheit leben. Aber als alleinstehende Frau, die Krieg, Gewalt, Beleidigungen und Erniedrigungen entkommen ist, will man nicht wieder in hoffnungslose Situationen geraten.

In einem Heim mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Sprachen zu leben, und dann in gemischten Räumen mit Familienvätern ohne Familie klarzukommen, dir mit ihnen die Küche, die Klos und die Waschräume teilen, ist ganz besonders hart für eine alleinstehende Frau.

Aber ich habe vieles dazugewonnen. In Afghanistan konnte ich nicht allein von einer Stadt in die andere reisen. Ich musste meinen Lebensstil und meine Kleidung gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen anpassen. Die Einschränkungen nahmen mir alle Lebensfreude. Heute genieße ich als Frau viele Privilegien.

 

 

Tamana Jamily ist auch Journalistin. Sie hat in ihrer Heimatstadt Afghanistan für nationale und internationale Medien gearbeitet

"Es geht nicht immer nur darum einen Weg zu finden, der zu einem Ziel führt. Manchmal geht es darum, überhaupt weg zu kommen. Ich komme aus einem Land, in dem Krieg und Blut die Identität bestimmt. Ich musste dort weg. Ich wollte nicht verbrannt werden, ich wollte nicht, dass man mir die Zunge herausschneidet. Dafür musste ich alles aufgeben.

Auch wenn es heißt: Ein Mensch reist fort aus einem Land, wo es keine Liebe gibt. Ja, ich komme aus einem finsteren Land namens Afghanistan. Aber ich entschied mich aufzubrechen, obwohl meine Mutter und mein Vater meine Liebsten sind. Ich küsste das Gesicht meiner Mutter, schloss meinen Koffer und sagte: Lebt wohl.

Dennoch liebe ich Deutschland. Dort leben sehr gute Menschen. Die meisten respektieren mich und sind freundlich zu mir. Ich will sie und ihre Gesetze auch respektieren. Mich stört aber, von Geld zu leben, das sich andere Menschen hart erarbeitet haben. Ich will die Sprache, so schnell es geht, lernen, damit ich selbst Geld verdienen kann."

Shajahan Ahmadi