Stufen des Ankommens

Drei Menschen, die im Herbst 2015 übers Meer nach Deutschland flohen, über ihr momentanes Gefühl

ILLUSTRATION: CORINNA CHAUMENY
ILLUSTRATION: CORINNA CHAUMENY

1. Phase: Endlich!

Roger, 26, aus Syrien: Ich hatte den Krieg und die Gefahr, im Meer unterzugehen, überlebt. Im Oktober 2015 kam ich in Deutschland an. Nach den Formalien bei der Registrierung kamen wir in ein Heim und dann in eine Turnhalle, die als menschliche Behausung nichts zu bieten hatte. Dennoch empfand ich, dass Deutschland mich umarmt hatte. Ich konnte ja nach einer kalten Nacht mit viel Hunger endlich an einem warmen Ort schlafen. Nun hoffte ich, ich könne hier ein neues Leben beginnen. Natürlich waren die Dinge nicht einfach. Ich verstand nicht, warum die Angestellten in der Halle wütend waren, und auch nicht, warum sie lachten. Was wollten sie überhaupt? Ich fing an, die Deutschen zu beobachten, wo immer ich ihnen begegnete. Ich wollte wissen, wie sie sich verhalten, wie sie miteinander umgehen, wie sie ihre Arbeit erledigen, damit ich eines Tages sagen könnte: Hier will ich leben. Natürlich war ich damals wie heute stets auch ängstlich, einsam und fern von meiner Familie und von allem Gewohnten. Ich begegne Neuem noch immer mit gemischten Gefühlen. Obwohl Deutschland kein Schwesterland von Syrien ist und mich nicht kennt, hat es mich aufgenommen, mir Geld gegeben und mir seine Sprache beigebracht, ohne Gegenleistung zu verlangen; es hat meine Krankenversicherung bezahlt, mich lernen lassen; es gibt mir die Chance, mich frei zu bewegen und zu arbeiten. Ich empfand Sympathie und Dankbarkeit und wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben – und ich glaube, das wird sich bei mir auch nie ändern.

2. Phase: Kein Hoffen und Danken mehr

Salem, 26, aus dem Irak: Ich hatte davon geträumt, meine kleine Familie – meine Frau und meine kleine Tochter – nachzuholen. Dafür habe ich Deutsch gelernt, sogar erfolgreich, und einen Job bei der Post bekommen. Doch nach zwei Jahren habe ich kein Asyl bekommen. Mein Antrag wurde schon zwei Mal abgelehnt. Aber wie kann ich jemals wieder im Irak leben, wo man mich töten wollte? Nachdem ich voll Hoffnung und Freude ankam, bin ich nun deprimiert, traurig und psychisch instabil. Psychopharmaka sind mein tägliches Brot. Das Gefühl, hier nicht gewollt zu sein, tut sehr weh. Immerhin: Dass Leute Empathie zeigen und meine Geschichte lesen, das lässt mich wieder etwas spüren.

3. Phase: Hier gehöre ich hin

Hind, 38, aus Syrien: Nach weniger als zwei Jahren ist mein Leben stabil. Meine Mutter und ich bewohnen eine eigene Wohnung, ich gehe meiner Arbeit nach. Ich hatte die Wahl: Der Depression und den Gefühlen der Entfremdung nachzugeben und mich von der Gesellschaft fernzuhalten – oder aufzuwachen und neue Wurzeln zu schlagen, nachdem ich in Syrien entwurzelt worden war. Ich entschied mich für Letzteres. Ich mischte mich unter die Leute. Manchmal ging ich fast zugrunde und wollte niemanden sehen. Aber ich zwang mich, weiterzumachen. Und ich bin jetzt froh, dass ich es tat. Ich fühle mich nun zu diesen Deutschen gehörig, bei denen ich Zuflucht nehmen konnte. Sie lehrten mich, Deutschland zu lieben. Sie gaben mir Hoffnung und stießen ein Fenster für mich auf, um in die Zukunft zu sehen – statt immer nur zurück auf Zerstörung und Blut. Wenn meine Freunde in Syrien mich eines Tages fragen, warum ich gerne in Deutschland lebe, werde ich von wundervollen Menschen erzählen; ich werde erzählen, wie ich meine Freiheit entdeckte, mich an Demokratie als etwas ganz Normales gewöhnte. Hier brauche ich nicht für meine Freiheit zu kämpfen, sie ist mein Recht. Deutschland ist kein Paradies. Es hat viele Probleme, wie die Bürokratie. Aber sein Volk hat es zu einem sicheren Hafen gemacht, zu einem Ort, an dem ich dazugehöre. Ich lebe hier, und ich bleibe hier.

Protokolle: Asmaa Yousuf