Leben ohne Eltern

Zwei junge Männer, die als Minderjährige in Deutschland ankamen, und was aus ihnen wurde

Fotos: Anna Thut
Fotos: Anna Thut

Ahmad Hamoudi lebt in Berlin. Mit 16 Jahren kam er hier an. Nach mehr als zwei Jahren des Wartens darf er nun ein weiteres Jahr in Deutschland bleiben. Er hätte sich mehr gewünscht. Weil er mittlerweile nicht mehr minderjährig ist, kann er seine Eltern nicht mehr nachholen. Sie leben in Syrien, ihr Leben ist ständig in Gefahr.

Weit weg vom Krieg fühlte sich Ahmad zwar in Deutschland sicher, ohne seine Eltern aber auch sehr einsam. Er hatte alles versucht, um früher an einen Aufenthaltstitel zu kommen, der noch vor seinem 18. Geburtstag einen Nachzug seines Vaters und seiner Mutter ermöglicht hätte. Er kontaktierte Anwälte und Hilfsorganisationen, ohne Erfolg. Eine frustrierende Erfahrung. Heute lässt er sich am Oberstufenzentrum für Kraftfahrzeugtechnik ausbilden. Nach einem Praktikum will er für ein deutsches Autounternehmen arbeiten. Er glaubt, wenn er einmal einen Beruf hat, kann er auch seinen Eltern die Einreise nach Deutschland ermöglichen.

Khaled Afsan, 18, ein junger Syrer, lebt seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Wie Ahmad bekam auch er seinen Aufenthaltstitel mit so viel Verzögerung, dass seinen Eltern der Nachzug verwehrt bleibt. Khaled hatte in Syrien für eine Computerfirma gearbeitet. Während eines Luftangriffes in seiner Heimatstadt Binnish im Norden Syriens wurde er an der Hand verletzt, die dann teilweise gelähmt war. Er hatte auf eine gute medizinische Behandlung in Deutschland gehofft – und hat sie bekommen. Trotz des gefährlichen Fluchtweges auch übers Meer hadert Khaled nicht damit, dass seine Familie ihn auf die Reise nach Deutschland geschickt hat. Sie dachten ja, es sei zu seinem Besten, weit weg von Krieg und Elend zu leben. Sein Vater hat einen Kredit für die Reise aufgenommen. Mit Dokumenten hat Khaled versucht, dem Gericht gegenüber nachzuweisen, dass seine Familie arbeitet und für die deutsche Gesellschaft produktiv sein kann. Ohne Erfolg.

Das Leben ohne seine Familie empfindet Khaled als sehr schwierig. Früher konnte er sie bei allen Problemen ansprechen. Plötzlich muss er alles al lein lösen. Manchmal spricht er mit der Wand oder mit dem Spiegel und wird so seine Sorgen los. „Ich habe auch Angst, meine Probleme hier mit meiner Familie zu besprechen. Wenn ich sie anrufe, will ich ihr Los ja nicht noch schwerer machen.“ Sonst kennt er niemanden, der sich seine Sorgen anhört, auch unter den anderen Flüchtlingen kann keiner seine Eltern als Ratgeber oder Mentor ersetzen. Seinen syrischen Freunden in Deutschland geht es ja ähnlich wie ihm. Und deutsche Freunde verstehen ihn nicht. Hier ist alles so anders. Lieber würde Khaled mit seiner Familie in Syrien sterben, als für immer ohne sie hierzubleiben. Er sieht keinen Vorteil in einem Leben allein in Deutschland, auch nicht mit Uni-Abschluss, Berufsausbildung oder Jobangebot.

Ohne Familie ist sein Leben unvollständig. Nun will er sein Studium beenden und dann nach Syrien zurückkehren, auch wenn dort noch Krieg herrscht. Wann immer er von einem Bombardement in seiner Heimatstadt erfährt, versucht er, seine Familie per Internet zu kontaktieren. Manchmal kommt keine Verbindung zustande, dann ist er sehr unglücklich und kann ein, zwei Tage nicht schlafen und essen – bis er wieder ein Lebenszeichen aus Syrien bekommt.

Anas Khabir