Im Rennen für Deutschland

Abdulrahim Nagibulla, 28, beschleunigt seinen Rennrollstuhl auf über 20 Stundenkilometer

 

Beim 200-Meter-Rennen der Herren bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin. 2013 startete Abdulrahim Nagibulla noch als Afghane
Beim 200-Meter-Rennen der Herren bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin. 2013 startete Abdulrahim Nagibulla noch als Afghane. Foto: Imago 

 

Mit sieben verlor ich ein Bein. Ich komme aus dem Süden Afghanistans, dort war ich auf dem Schulweg auf eine Landmine aus der sowjetischen Besatzungszeit getreten. Das andere Bein war schwer verletzt. Erst kam ich in die Kinderklinik von Kabul, und von dort – im Rahmen eines Friedensdorf-Programms – nach Koblenz. Das war 1995. Drei Jahre war ich weit weg von meiner Familie. Ich lernte Deutsch und erlebte die Kultur und Lebensweise der Deutschen. Dann musste ich zurück nach Afghanistan. Ich konnte nichts arbeiten und hatte schwere Depressionen.

2005 kamen die deutschen Truppen ins Land. Und ich bekam die Chance, als Übersetzer für sie zu arbeiten – bis 2008. Sie waren in Kabul, Mazar-e Scharif und Kunduz stationiert. Meine Depressionen verschwanden. Ich hatte das Gefühl, gebraucht zu werden.

2009 kam ich für eine Weiterbehandlung nach Deutschland. Damals verschlechterte sich die Sicherheitslage in Afghanistan, und vor allem in meiner paschtunischen Heimat. Taliban riefen auf, alle Afghanen zu töten, die für ausländische Streitkräfte gearbeitet hatten. Ich beantragte Asyl in Deutschland. Der Antrag wurde angenommen.

"Ich lebte im Damals, bis Simone mir den Rollstuhl besorgte"

Ich zog nach Henningsdorf in Brandenburg. Die Einsamkeit fernab von der Familie und das Leben in der neuen Umgebung machten mich wieder depressiv. Tagsüber verließ ich die Wohnung kaum, ich lebte in der Vergangenheit. Bis Simone Tetzlaff kam. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle für Flüchtlinge im dortigen evangelischen Kirchenkreis.

Simone besorgte einen neuen Rollstuhl, motivierte mich zum Rennsport und schrieb mich in einem Berliner Verein ein. So begann meine Liebe zum Sport. Ich fühlte mich wie neu geboren. Im Persischen gibt es das Sprichwort „Wollen ist Können“. Jeden Tag wache ich seither voller Energie auf und trainiere zwei bis drei Stunden.

Trainer wurden auf mich aufmerksam. Mit dem Pullheimer Sport-Club nahm ich deutschland- und europaweit an Wettbewerben teil. Meine Spezialität: die Strecken über 100 und 800 Meter. In der deutschen Meisterschaft schaffte ich mal den ersten, mal den dritten Platz. Als Leistungssportler bekam ich 2014 relativ unbürokratisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Nun starte ich für Deutschland, 2020 hoffentlich bei den Paralympischen Spielen. Bei den Weltmeisterschaften für Rollstuhlrennen schaffte ich schon den sechsten Platz.

Seit einem Jahr arbeite ich freiwillig als Übersetzer für Dari und Paschtu in Flüchtlingsheimen. Meine Botschaft für Menschen mit Behinderung ist: Glaubt an euch selbst und eure Möglichkeiten. Mit Fleiß könnt ihr alles schaffen.

Protokoll von Noorullah Rahmani