"Was können Sie gegen Populisten tun?"

Was tut die Diakonie, um Frauen und Kinder vor Gewalt schützen? Prüft sie Flüchtlinge, die einen Freiwilligendienst leisten, ob sie Extremisten sind? Fragen an den Chef der Diakonie in Deutschland, Ulrich Lilie

Was halten Sie von Angela Merkels Flüchtlingspolitik?
Sie hat verstanden, dass ein starkes Land wie Deutschland helfen muss. Sie sagte: „Wir schaffen das.“ Jetzt sehen wir, ob sie dazu steht. Deutschland ist in der EU mit gutem Beispiel vorangegangen.

Was kann die Diakonie gegen Fremdenfeindlichkeit tun?
Alle sollen wissen: Wegen der Flüchtlinge fließt kein Cent weniger in Kitas, Tagesaufenthalte für Obdachlose und die Hilfe für Bedürftige. Und wir müssen helfen, dass der soziale Zusammenhalt besser funktioniert, ob in Stuttgart, der Priegnitz oder Wuppertal.

Was ist gut an den vielen Flüchtlinge für Deutschland?
Sie sind die besten Verbündeten derer, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Endlich wird wieder in Kitas, sozialen Wohnungsbau und Schulen investiert! Flüchtlinge sorgen in unserer alternden Gesellschaft auch für wirtschaftlichen Erfolg.

Was tut die Diakonie, um Frauen und Kinder in den Wohnunterkünften vor Gewalt zu schützen?
Wir haben immer gefordert: Keine großen Sammelunterkünfte! Frauen und Kinder brauchen abschließbare Schlafräume und Bäder! Betreiber müssen nachweisen, dass ihr Personal Probleme löst und nicht verursacht! Gesetzesverstöße müssen geahndet werden! Dann können auch Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener sexueller Orientierung gut in gemischten Gruppen leben. – Unsere Forderungen wurden gehört. Familienministerin Manuela Schwesig erarbeitet verpflichtende Qualitätsstandards für alle Betreiber.

Kann die Diakonie helfen, Flüchtlinge auf leere Wohnungen auf dem Land zu verteilen?
Wohnungen stehen nur in strukturschwache Regionen leer. Wer Flüchtlinge da hinschickt, muss auch der Region helfen. Die Landesregierung von Schleswig-Holstein tut das. So konnte zum Beispiel ein afghanischer Mechaniker bei Rendsburg aufs Dorf ziehen und einen Fahrradladen übernehmen. Wir müssen auch bezahlbare Wohnungen in Großstädten bauen. Es erschwert die Integration, wenn Wohnung fehlen.

2015 berichtete die britische Zeitung „The Guardian“, viele minderjährige unbegleitete Flüchtlinge seien spurlos verschwunden.
Verlässliche Zahlen dazu gibt es nicht. In einer ländlichen Unterkunft hörte ich von drei jungen Männern, die über Nacht verschwanden. Sie wollten nach Berlin. Zwei kamen zurück, weil sie dort nichts fanden. Der Dritte blieb weg. Keiner weiß, wo er ist. Können wir sicher sein, dass kein Kind verloren gegangen ist? Nein. Manche Jugendliche haben auf ihrer mehrjährigen Flucht schmutzige Sachen für Schmuggler gemacht. Vielleicht tun einige das auch hier. Aber selbst wenn es das gibt, sind das Einzelfälle.

Untersuchen Sie, ob eingewanderte Bewerber für ein Freiwilliges Soziales Jahr Extremisten sind?
Sie brauchen ein polizeiliches Führungszeugnis. Es zeigt, ob sie unbescholten sind. Und wir führen Einstellungsgespräche. Wer bei der Diakonie Menschenfeindliches sagt oder tut, den können wir entlassen. Man kann aber niemandem in den Kopf sehen.

Eine Frau wollte ihre Kinder aus Aleppo holen. Es sollte ein Jahr dauern! Wie können Sie in solchen Fällen helfen?
Das ist schwer. Wir haben der Kanzlerin gesagt: Wer seine Familie nicht bei sich hat, kann nicht schlafen, er kann sich auch nicht integrieren. Politiker sagen uns: „Wir wollen den Zuzug begrenzen.“

Der Papst bringt zehn Leute mit seinem Flieger in den Vatikan. Können Sie das auch?
Das ist publikumswirksam, aber Zehntausende bleiben zurück. Wir brauchen keine symbolische sondern wirkliche Hilfe.

Fragen: Amloud Alamir, Sharmila Hashimi