Muss man dafür Christ werden?

Einige Kirchengemeinden schützen Flüchtlinge vor der Abschiebung. Manche muslimische Flüchtlinge werden dort Christen. Wir haben mal nachgefragt, warum

Illustration: Julia Pfaller
Illustration: Julia Pfaller

Auf dem Gelände der Paulusgemeinde in Berlin-Lichterfelde hat Ahmad eine kleine Einzimmer-Wohnung. Die Polizei betritt das Kirchengrundstück nicht. Das ist Ahmads Glück. Eigentlich müsste er nach Schweden abgeschoben werden, in das EU-Land, das ihn nach seiner Flucht aus Afghanistan zuerst registrierte. Aber er wollte unbedingt nach Deutschland. In Afghanistan hatte Ahmad mit seinem Bruder den internationalen Streitkräfte geholfen. Aus Angst vor der Rache der Taliban gab seine Familie ihre gesamten Ersparnisse für seine Flucht aus.

Wie Ahmad zur Paulusgemeinde fand? „Die Gemeinde fand mich“, sagt er. „Ich war in einer Klinik und sprach einen Arzt an. Er vermittelte einen Sozialarbeiter. Dann kam der Pfarrer persönlich.“ Die Kirchengemeinde finanziert alles durch Spenden: Ahmads Miete, laufende Kosten und die Medikamente gegen Depressionen. Er arbeitet in Teilzeit bei einer Tischlerei. Zwei Tage pro Woche lernt er Deutsch.

Ahmads Betreuerin von der Gemeinde sagt: „Wir nehmen nur Menschen in Not auf. Und wir wollen, dass die Gerichte ihre Fälle in Ruhe prüfen.“ Hat die Gemeinde irgendetwas von Ahmad erwartet? „Nein“ sagt er. „Kein Mensch hat uns mit irgendwelchen Erwartungen auf unsere Religion angesprochen. Keiner hat die Hilfe an Bedingungen geknüpft.“

Unweit von Ahmads Unterkunft ist die Dreieinigkeitsgemeinde, Berlin-Steglitz. Sie ist auch evangelisch, aber nicht – wie die Paulusgemeinde – Teil der evangelischen Volkskirche, sondern der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Auch diese Gemeinde nimmt Flüchtlinge auf, sogar viel mehr. Hier stehen sechs Betten in einem kleinen Zimmer. Noch mehr junge Männer bewohnen es. Sie nehmen an kirchlichen Kursen teil und sagen, sie wollen Christen werden. Die meisten jungen Männer tragen ein kleines Kreuz. Alle haben einen Abschiebebescheid und sind besorgt.

In Teheran hatte Hamid als Verkäufer in einer Boutique gearbeitet: „Meine Fingerabdrücke habe ich zum ersten Mal in Norwegen abgegeben“, sagt er. „Aber dort war es schon ab Mittag dunkel. Und Norwegen schiebt viele iranische Asylsuchende ab.“ Damit er nicht nach Norwegen zurückkommt, ist Hamid im Kirchenasyl in der Dreieinigkeitsgemeinde. Auch er wird Christ. Er habe das Christentum schon in der Türkei kennengelernt, betont Hamid.

Sein Zimmergenosse Reza sagt: „Nur einmal kam ein Afghane und sagte, dass er Muslim ist. Sie haben ihm empfohlen, bei der Moschee um Hilfe zu bitten.“ Reza sagt auch: Die Hilfsbereitschaft beeindrucke ihn. „Der Pfarrer der Dreieinigkeitsgemeinde ist um uns besorgt. Sogar seine alten Eltern helfen, wo sie können. Ein Pfarrer im Ruhestand bringt die Jungs zum Arzt, wenn sie krank werden. Er kauft Medikamente von seinem Geld, auch wenn er uns nicht mal richtig kennt.“

Er zeigt seinen Pullover: „Die Mutter des Pfarrers hat ihn mir gekauft. Sie sah, dass ich nichts Warmes habe. Im Iran haben wir die Religion nicht so barmherzig praktiziert.“

Mahdis Amiri