"Wovor sollten wir Angst haben?"

Religionsunterricht mit verschiedenen Konfessionen kann gelingen

 

Die Pausenglocke läutet zur achten Stunde. Die Schüler der 13. Klasse warten in einem Flur der Kaufmannschule in Hagen-Hohenlimburg auf ihre Lehrerin. „Evangelischer Religionsunterricht“ steht auf dem Stundenplan. Die Schüler sind evangelisch, katholisch und muslimisch. Zwei Mal pro Woche haben sie so Gelegenheit, über den eigenen Glauben zu sprechen.

Die Religionslehrerin Ellen Gradtke ist auch evangelische Pfarrerin. Sie kommt gleich zur Sache. Ihr Thema heute: Wie sich Christen und Muslime Himmel und Hölle vorstellen. Die Schüler halten Referate. Anna erklärt, wie sich Christen früher das Jüngste Gericht vorgestellt haben. Ihre Mitschüler zeigen Interesse, immerhin spielt niemand mit dem Smartphone.

Danach soll Mücahit über die islamischen Vorstellungen vom Jüngsten Gericht berichten. Er sagt, der Prophet Isa ibn Maryam, also Jesus, werde dem Koran zufolge gegen den Anti­christen kämpfen. Seine Mitschüler staunen. „Ich habe das nicht irgendwo aus dem Internet, sondern vom Imam in meiner Moschee“, beteuert Mücahit. Geduldig beantwortet er die Fragen seiner Mitschüler.

Kaufmannschule
Mücahit, Anna, Dolunay, Pascale, Olivia, Arnis, Ellen Gradtke, René
Foto: Lena Ohm

Die Schüler beginnen, darüber zu diskutieren, wofür jemand in den Himmel kommt. „Die Anzahl der Kirchgänge sollte nicht der Gradmesser dafür sein“, argumentiert Pascale. „So ein Kirchgang macht nicht gläubig. Ich finde, dass die tatsächlich gläubig sind, die ihren Glauben im Alltag leben“, ergänzt Olivia. Mücahit und Dolunay sagen, sie würden zum Freitagsgebet in die Moschee gehen, sofern es sich mit der Schule vereinbaren lässt. Arnis gibt zu, noch nie dort gewesen zu sein. „Für mich zählt allein der Glaube. Ich lese im Koran und meine Eltern haben mir viel über den Glauben beigebracht. Das reicht.“

Eine junge Frau, Selina, äußert Zweifel, ob überhaupt ein Gott existiert, der über Himmel und Hölle entscheiden könnte: „Eigentlich bin ich gläubig und ich will auch glauben. Aber dann passieren so viele schlimme Dinge auf der Welt, bei denen ich mir denke: Wenn es einen Gott gibt, wieso lässt er so etwas geschehen?“ Die anderen Schüler schweigen.

Nach dem Unterricht sagt die Lehrerin: „Wenn Selina fragt, ob Gott überhaupt existiert, dann setzt sie sich mit ihrem christlichen Glauben auseinander – obwohl sie schon seit zweieinhalb Jahren nicht mehr in der Kirche war.“ Das widerlege das Vorurteil, junge Menschen hätten kein Interesse an religiösen Fragen.

Ellen Gradtke sagt auch: „Ich versuche, den Schülern ein besseres Verständnis der anderen Religionen zu vermitteln.“ Das kommt bei den Schülern offenbar an. Mücahit findet es gut, wenn sich andere für seinen Glauben interessieren: „Ich rede gern darüber und finde es auch nicht schlimm, wenn jemand nachfragt – weder im Unterricht noch im Privaten.“ Und Anna sagt: „Ich weiß jetzt, warum es diese vielen verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam gibt, und ich kann Traditionen besser nachvollziehen, zum Beispiel, warum Mädchen ein Kopftuch tragen.“

Natürlich suchen sich die Schüler ihre Freunde nicht nach ihrer Religion aus. Aber interessieren sie sich auch für ihren Glauben? „An Feiertagen wie Weihnachten frage ich meine muslimische Freundin schon mal, was sie da so macht“, sagt Olivia. „Oder warum ihr das Fasten so wichtig ist. Ansonsten reden wir aber lieber über andere Themen.“

Seit den Anschlägen in Paris im November 2015 sei die Religion noch häufiger Gesprächsthema geworden, sagt Pascale: „Die Stimmung gegen Muslime wird manchmal angeheizt, da wird so viel Müll erzählt. Wieso sollten wir Angst vor Muslimen haben? Wir sehen doch jeden Tag unsere Mitschüler.“ Jemand ruft quer durch den Raum, Dolunays Oberteil sei weit genug für einen Sprengstoffgürtel. Alle lachen – auch Dolunay. „Wir wissen ja alle, dass das Quatsch ist“, sagt Olivia. – „Wir vielleicht“, wendet René ein, „aber da draußen gibt’s genug Leute, die so etwas tatsächlich glauben. Und die lassen sich oft nicht von ihrer Meinung abbringen.“

Lena Christin Ohm