Es wird immer schwieriger die Familie nachzuholen

Wie kann die Kirche helfen?, fragen zwei Syrer Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie

"Wir helfen mit Beratung"

H. Q. ist ein junger Mann aus der nordsyrischen Stadt Aleppo. Er hat einen Magister in Administration von einer Pariser Hochschule. Bevor er seine Doktorarbeit an der Universität von Damaskus vorlegen konnte, musste er das Land verlassen. Seine Frau und seine beiden Kinder warten in Syrien. Bis jetzt konnte er die Familie noch nicht nach Deutschland holen. H. Q. fragt:

Was kann die Kirche tun, um den Nachzug der Familien im Rahmen des Familienzusammenführungsgesetzes zu erleichtern? Es wird von Tag zu Tag schwieriger.

Ulrich Lilie: Zunächst möchte ich Ihnen mein Mitgefühl für ­Ihre belastende Lebenssituation aussprechen und meinen Respekt dafür, wie Sie sie bewältigen. Die Diakonie setzt sich bei der Bundesregierung dafür ein, dass Flüchtlinge ihre nächsten Familienangehörigen nach Deutschland holen können. Damit wollen wir verhindern, dass sich Frauen und Kinder auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen müssen. Der illegale Weg nach Deutschland macht die Schlepper noch reicher. Bei Flüchtlingen, deren Asylantrag abgelehnt wird, die aber nicht abgeschoben werden, wollte die Bundesregierung den Familiennachzug aussetzen. Wir haben uns in Stellungnahmen und Gesprächen dafür eingesetzt, dass auch sie ihre Familien nachholen dürfen. Mit einem Spendenfonds unterstützen wir Geflüchtete, ihre Familien zu holen. Beratungsstellen der Diakonie helfen, den Antrag zu stellen, und informieren, welche Kosten übernommen werden können. In den letzten drei Jahren konnten wir 400 Familien helfen, wieder vereint zu leben. Den Familiennachzug auszusetzen, wie es die Bundesregierung gerade beschlossen hat, erschwert und verhindert oft die Integration derer, die bereits in Deutschland leben. Eine geflüchtete Familie aus meiner Nachbarschaft ist aus Sorge um ihre Angehörigen mit drei kleinen Kindern wieder nach ­Syrien zurückgefahren. Das kann niemand wollen!

Ulrich Lilie
Ulrich Lilie, Leiter der Diakonie Deutschland, Berlin
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz

H. Q. möchte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. „Könnte die Kirche oder die Diakonie helfen, die Kompetenzen der Syrer zu nutzen?“, regt er an. „Könnte die Kirche der Regierung mit Modellprojekten zeigen, dass es sich wirtschaftlich auszahlt, Flüchtlinge schnell in Arbeit zu bringen?“

Lilie: Sie haben recht, Ihre Fähigkeiten, Ihre Motivation und Ihre Energie werden oft auf eine harte und wenig sinnvolle Probe gestellt: Antragsverfahren, Asylstatus, Vorrangprüfung, Sprachkenntnisse, Qualifikation – bis ein Asylsuchender arbeiten kann, müssen zu viele Hürden überwunden werden. Bildung und Arbeit sind aber unverzichtbare Schritte auf dem Weg zur Integration. Besonders Unternehmer und Handwerker wollen Flüchtlinge möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integrieren. Es zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Mit den aktuellen Einschränkungen will die Politik verhindern, dass sich diejenigen integrieren, die letztendlich nicht in Deutschland bleiben dürfen. Mehr als die Hälfte der Asylsuchenden werden jedoch anerkannt. Darum setzen sich Diakonie und Kirche bei der Bundesregierung dafür ein, dass diese Restriktionen entfallen. Viele diakonische Dienste beraten und unterstützen Asylsuchende bei der Anerkennung von Abschlüssen sowie bei der Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatzsuche. Wir bauen diese Dienste derzeit stark aus, Flüchtlinge und Ehrenamtliche müssen professionelle Ansprechpartner haben. Häufig ermöglicht erst die Sprache den Zugang zum Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt, daher bietet die Diakonie in vielen Erstaufnahmeeinrichtungen Deutschkurse für Flüchtlinge an. Außerdem können sich Geflüchtete bei der Diakonie für einen Freiwilligendienst bewerben.

 

H. Q. fragt außerdem: „Was kann die Kirche tun, um den Deutschen verständlich zu machen: Habt keine Angst vor den Muslimen, sie sind eure Brüder im Humanismus!“

Lilie: Wer bereits Kontakt zu Flüchtlingen hatte, steht ihnen aufgeschlossener gegenüber als andere. Das zeigt eine Studie der evangelischen Kirche und der Diakonie Deutschland. Den Islam gibt es genauso wenig wie die Kirche. Wir in der Kirche wissen, dass Religion eine starke zivilisatorische und positive Kraft ist, aber eben auch missbraucht werden kann. Totalitäre Formen von Religion sind gefährlich. Viele interessierte und gesprächsbereite Männer und Frauen engagieren sich schon lange für Kontakte zwischen Juden, Christen und Muslimen. In Berlin entsteht das „House of One“, ein Ort des Gesprächs und der Versöhnung dieser Religionen. Auch in Deutschkursen, bei Behördengängen, Kinderbetreuung und gemeinsamen Freizeitaktivitäten ermöglichen Kirche und Diakonie, dass sich Menschen unterschiedlicher Religionen begegnen.

Viele Wohnungen stehen leer“

„Als meine Frau und ich mit unseren vier Kindern vor dem Krieg von Damaskus nach Beirut flohen, wurde unser Auto beschossen und unsere jüngste Tochter am Bein von einer Kugel getroffen. Wir kehrten auf der Stelle um. Das Bein ist bis heute noch nicht wieder vollkommen geheilt.“

So beginnt E. H., ein junger Zahnarzt, seinen Bericht. Sein Haus und seine Praxis im Umland von Damaskus waren zerstört. Es gab keine Möglichkeit, legal nach Deutschland zu kommen. Also beschloss er, sich illegal durchzuschlagen. Er will auch seine Familie nachholen, was ihm bis jetzt nicht gelang. Die deutsche Botschaft in Beirut sagte seiner Familie, erst in einem Jahr gebe es einen Termin, um die Familienzusammenführung überhaupt einleiten zu können. E. H. ist stets mit seinen Gedanken bei seiner Familie. Er kann jetzt nicht Deutsch lernen.

 

Die Flüchtlinge leiden überall unter der erdrückenden Bürokratie“, klagt er.

Lilie: Die Botschaften sind überlastet und haben zu wenig qualifiziertes Personal. In den Gesprächen mit Politik und Verwaltung regen wir Verbesserungen an – auch zu der Situation in den Botschaften. Einiges hat sich hier verbessert, trotzdem sind zu­sätzliche Restriktionen für einige Asylsuchende hinzugekommen.

Wie hilft die Kirche Flüchtlingen, geeignete Wohnungen zu finden?“, fragt E. H.

Lilie: Noch immer werden überwiegend Massenunterkünfte geschaffen, statt Flüchtlinge schnell dezentral unterzubringen. Güns­tiger Wohnraum ist jedoch insbesondere in Großstädten knapp. Wir setzen uns dafür ein, dass Flüchtlinge so schnell wie möglich in eigenen Wohnungen unterkommen. 1,7 Millionen Wohnungen in Deutschland stehen leer, in vielen von ihnen könnten Flüchtlinge einziehen. Wir appellieren an Vermieter, auch an Flüchtlinge zu vermieten. In manchen Projekten bringen wir Vermieter und Flüchtlinge zusammen. Angesichts der sehr großen Herausforderungen brauchen wir aber Zeit.

 

Freunde werden – integrieren“

Der syrisch-palästinensische Arzt M. H. will seine Zeugnisse anerkennen lassen. Er möchte in Deutschland seinem Beruf nach­gehen. So, wie es läuft, können die Flüchtlinge nicht in die deutsche Gesellschaft integriert werden, meint M. H., es gebe zu wenige Sprachschulen, und die meisten Sprachdozenten seien keine Deutschen.

 

Kann die Kirche helfen, noch mehr Kontakte zwischen Flüchtlingen und Deutschen zu vermitteln?

Lilie: In unseren Kirchengemeinden und in der Diakonie engagieren sich mehr als 120 000 Menschen ehrenamtlich für Flüchtlinge und bauen Brücken in die deutsche Gesellschaft. Sie verteilen Kleider und begleiten bei Behördengängen, in Kirchengemeinden geht es immer auch um die interkulturelle Begegnung. Deutsche und Flüchtlinge verbringen ihre Freizeit miteinander, kochen und essen gemeinsam, die Kinder spielen zusammen, viele Menschen nehmen privat Flüchtlinge bei sich auf. Daraus ergeben sich Freundschaften. Je mehr Menschen sich engagieren und Flüchtlingen gegenüber offen sind, desto besser und schneller klappt auch die Integration.

 

Kann die Kirche helfen, dass ausländische Studienabschlüsse schneller anerkannt werden?“, fragt er. Für nach Deutschland eingereiste Ärzte, Ingenieure und Fachleute sei das sehr schwer.

Lilie: Ausländische Berufsabschlüsse anerkennen zu lassen ist leider kompliziert und mit hohen Gebühren oder zusätzlichen Kosten verbunden. Viele diakonische Dienste beraten und unterstützen Asylsuchende dabei und auch bei der Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatzsuche. Wir setzen uns dafür ein, dass die Verfahren deutlich einfacher und schneller werden, und auch dafür, Eingewanderte ohne Berufsabschlüsse möglichst schnell zu qualifizieren und weiterzubilden. Die Bundesagentur für Arbeit hilft gerade jungen Geflüchteten mit Förderprogrammen. Sie brauchen eine gute Perspektive.