Von Freiheit und Aufklärung

Eine kleine Geschichte der Kirchen

Kirche und Staat waren im Chris­tentum von Anfang an unterschiedliche Dinge, also auch Religion und Politik. Fast 300 Jahre verfolgte der römische Staat die Christen. Trotzdem beteten sie für den Staat, weil er die Ordnung aufrechterhielt. Dann erkämpfte sich der römische Kaiser Konstantin die Macht über das Römische Reich. Er machte das Christentum zur ersten Religion im Reich. Die meisten Christen sagen heute: Auch wenn die Kirche mit dem Staat Verträge macht, sollte sie kritisch bleiben.

Christen verfolgt
Illustration: Bastian Gierth

Vor 1000 Jahren wurde die Kirche sehr mächtig. Sie verfolgte Andersgläubige und Juden, führte mehrere Kreuzzüge gegen Muslime und gegen andere Christen. Kreuzritter eroberten Jeru­salem, Akko, Tripoli und Antiochien, sie zerstörten Byzanz und führten auch Kriege gegen andersgläubige Christen in Südfrank­reich und gegen Nichtchristen in Osteuropa. Fast zwei Jahrhunderte lang gab es damals Kreuzfahrerstaaten in Palästina. Viele Christen protestierten dagegen, dass ihre Kirche zu mächtig wurde und Andersgläubige wegen ihres Glaubens töten ließ.

Vor 500 Jahren gelang eine Reformation, durch die die Kirche wieder so werden sollte, wie sie am Anfang war: Eine Kirche, die der Lehre Jesu Christi folgt, nicht über das Gewissen der Menschen herrscht und den Menschen eine gute Bildung ermöglicht. Der Reformator Martin Luther forderte: Jeder Christ soll selbst urteilen können, was der richtige Weg ist. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche. Viele Christen in Deutschland folgten der Reform: die evangelischen Christen oder Protestanten. Andere hielten die Reformation für den falschen Weg: die katholischen Christen. Sie sagten: Die Reform hat die Kirche gespalten.

Vor 400 Jahren begann ein Krieg zwischen Katholiken und Protestanten. Dreißig Jahre lang kämpften sie in Deutschland. Auch ausländische Armeen wollten sich bereichern und zerstörten das Land, vor allem Armeen aus Frankreich und Schweden. Ein Drittel aller Deutschen starb infolge von Krieg und Seuchen. Die Mächtigen sagten, es gehe um Religion. In Wirklichkeit ging es um Macht, Geld und Politik. Die Lehre aus dem Dreißigjährigen Krieg: Christen müssen einander tolerieren, auch wenn sie gegensätzliche Vorstellungen vom Christentum haben. Der Staat muss jeden bestrafen, der Gewalt anwendet – nach fairen Gesetzen.

Damit begann das Zeitalter der Aufklärung. Christen lernten: Als religiöser Mensch muss man keine Angst vor Fragen und Zweifeln haben. Jede religiöse Autorität und jede religiöse Lehre darf infrage gestellt werden. Niemand darf dafür bestraft werden. Die Christen lernten: Gott und die Religion sind viel zu groß, als dass irgendjemand sie schützen müsste. Kritik ist sogar gut. Sie hilft, den eigenen Glauben zu verbessern. Heute wird die Bibel an den Universitäten frei erforscht, ohne dass religiöse Autoritäten dabei stören. Und ethische Fragen werden kontrovers diskutiert. Die Kirche kann viel davon lernen.

Aufklärung
Illustration: Bastian Gierth

Seit der Antike leben Juden in Deutschland. Oft wurden sie verfolgt, weil sie kaum Rechte hatten. Antisemiten im 19. und 20. Jahrhundert propagierten, Juden seien die schlechteren Menschen. Zwischen 1933 und 1945 wurden auf deutschen Befehl sechs Millionen Juden in Europa ermordet. Christen haben gelernt: Nie wieder Antisemitismus! 1945 bekannten die Kirchen ihre Schuld: Sie haben zu wenig für Juden getan. Sie haben gelernt: Christen müssen sich immer und überall gegen jede Form des Judenhasses wenden.

Seit 50 Jahren wandern Menschen aus Südeuropa und aus muslimischen Ländern nach Deutschland ein: erst Italiener, Spanier und Portugiesen, dann Jugoslawen und Türken, nach 1990 auch viele Russen. Sie verändern die Gesellschaft. Sie bereichern die deutsche Küche, bauen eigene Wirtschaftsunternehmen auf und ihre Kinder werden als Fußballspieler, Regisseure, Schauspieler und Politiker berühmt. Und mit ihnen kommen auch neue Religionsgemeinschaften ins Land. Die Kirchen begrüßen es, wenn in Deutschland Menschen aus verschiedenen Religionen miteinander friedlich zusammen leben, wenn sie gemeinsam Familien gründen und voneinander lernen.