Die Gedanken sind frei – und das Mädchen Shalabiya

Ein Begegnungschor aus Einheimischen und Deutschen probt jeden Mittwoch in der Evangelischen Schule in Berlin-Mitte

x
Fotos: Benny Golm (M)

Ich hatte noch nie in einer Kirche gesungen. Und dann musste ich beim vergangenen Weihnachtsfest, als unser gemischter Chor in der Berliner Sophienkirche auftrat, das Solo singen. Ein arabisches Lied vor großem Publikum: „Sanft wie eine Brise um uns“. Es handelt von der Sehnsucht nach der Heimat.

Seit Oktober 2015 gibt es unseren Chor. Wir lernen arabische, hebräische, deutsche und englische Lieder. Zu den arabischen gehört „Das Mädchen Shalabiya“ der libanesischen Starsängerin Fairouz. Zu den deutschen „99 Luftballons“ und „Die Hymne an die Liebe“. Auch „Die Gedanken sind frei“.

"Die Probe gehört zu meinen wichtigsten Terminen"

Meine deutschen Freunde im Chor waren erst gar nicht begeistert, zu oft hatten sie dieses Lied gesungen. Es langweilt sie. Später erfuhr ich, dass es über 200 Jahre alt ist. Deutsche lernen so etwas von Kindheit auf. In meinem Land wird Gedankenfreiheit nicht besungen.

In meiner Heimat Syrien kennt kaum jemand deutsche Lieder. Die Syrerin Rasha Halabi, auch ein Chormitglied, sagt, die deutschen Lieder hätten „rasch den Weg in ihr Herz gefunden.“ Ihre Deutschlehrerin hatte sie auf den Chor aufmerksam gemacht – um die Sprachkenntnisse zu verbessern. „Ich habe die Atmosphäre auf Anhieb gemocht, auch diese Warmherzigkeit im Chor. Die wöchentliche Probe gehört zu meinen wichtigsten Terminen. Ich will keine missen.“

Die Gründung des Chores wurde 2015 im Berliner Rathaus bekanntgegeben. Prominente waren da. Seitdem wurde der Chor zu vielen Anlässen in der Stadt eingeladen. Auch zum Tag der offenen Tür im Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten. Bastian Holze, ein Musiklehrer, ist einer der Gründer des Chors.

Nun, ein Jahr später staunt er, „wie wir fast zu einer Familie geworden sind“. Und wie die Deutschen im Chor orientalische Musik kennen lernen. „Mir fiel es selbst nicht leicht, als ich zu Hause geübt habe. Aber nun bringt uns diese Musik zum Tanzen.“

Lydia Griese organisiert die Auftritte, über 20 waren es bisher. Sie schätzt am Begegnungschor, dass man sich über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten austauschen kann. Welche Auftritte waren die erfolgreichsten? „Die Teilnahme am Chorfestival in Stuttgart“, findet sie. Und was kommt beim Publikum am besten an? „Die ‚Ode an die Freude‘, die wir mit orientalischen Elementen versehen haben.“

Die Chorprobe am Mittwochabend ist immer viel zu schnell vorbei. Ich verlasse den Übungsraum und summe die „Ode an die Freude“ vor mich hin. Ich habe dann das Gefühl, dass die Menschen auf der Straße lächeln, wenn sie mein einfaches Deutsch hören. Aber das macht nichts. Ich singe einfach weiter.

Abdolrahman Omaren